Todessehnsucht meets Lebensfreude

Die vergangene Woche spürte ich diesen Anteil in mir sehr stark, der einfach die Nase voll hat vom Leben mit all seinen Verpflichtungen, Herausforderungen, (Seelen)Aufgaben, Lernaufgaben und was sonst noch alles so ansteht. Ich bin ein Mensch, der viel und oft reflektiert über das, was gerade ist und was ich aus den Ereignissen in meinem Leben lernen soll. Und da gibt es eben diesen Anteil in mir, der dann darauf einfach keinen Bock mehr hat, der sich fragt, wozu das alles. Ein Anteil, der manchmal von diesem Irdischen Mist, die Schnauze voll hat und gar nicht mehr auf der Erde sein will. Den Sinn hinterfragt von allem und jedem bzw. nicht mal hinterfragt, sondern einfach keinen Sinn dahinter findet. Und das beste ist dann, wenn wie am Samstag, dieser Teil schon früh morgens mit einem anderen Teil in mir – nämlich jenem, der genau weiß, was er tun muss, um Freude am Leben zu haben, der das Leben einfach genießen will – zu diskutieren anfängt. Es fühlt sich dann an, als würden zwei komische Irre in meinem Kopf sitzen: einer sagt, dass ich viel mehr Zeit damit verbringen sollte einfach nichts zu tun und mit meinen Pferden zu sein, will nur frei und voll Freude in den Tag hinein leben. Der andere Teil hat einfach vom Leben die Schnauze voll und findet das irdische Dasein als Mühsam, weil es eben unberechenbare Dinge gibt wie ein krankes Kind, Lebensunterhalt verdienen, damit ich mir auch die Pferde weiter leisten kann. Lebensfreude meets Todessehnsucht. Und ich sitze dazwischen, höre beide und komme dann in massiven Stress, weil ich mich hin und hergerissen fühle zwischen diesen beiden Dingen, versuche trotz dieser beiden Stimmen in meinem Kopf irgendwie alles am Laufen zu halten und merke, dass ich an meine Energiereserven komme. Mein inneres Kind hat sich „aus dem Staub gemacht“, denn mit diesem Kampf will es schon lange nichts mehr zu tun haben. Es ist als ob ein Teil von mir in der „alten“ Energie steht und ein Teil das Neue, das Leicht schon riechen kann, nicht einmal sehen, aber riechen und fühlen.

Und dann lese ich von Dingen wie „triff eine Wahl“, du kannst jederzeit wählen. Und ich stelle mir das dann auf. Beide Teile und am Samstag hab ich erkannt, dass ich keine Wahl zwischen den beiden Anteilen treffen kann. Sie sind beide da. Gehören beide zu mir. Und es gibt auch nichts zu lösen (außer vielleicht mein inneres Kind an einen sicheren Ort bringen), damit ich überhaupt zu dieser Einsicht komme. Die Wahl, die ich getroffen habe, war, dass ich keine Lösung dafür brauche. All das gehört zu mir und wo bin ich am meisten ich selbst: auf meinem Pferd. So hab ich mich – wie so oft wenn ich Klarheit brauche – auf meine Jungstute gesetzt. Sie ist in Ausbildung und ich hab beschlossen, dass Samstag der richtige Tag für den ersten Ausritt ist. Der Teil mit Todessehnsucht in mir witterte seine Chance auf einen geilen Abgang und prompt packte sich meine süße Kaya zusammen und ging im wilden Galopp ab. Was dabei passierte war für mich schlicht und einfach unglaublich, denn die Lebensfreude in mir, weil sie einfach mit mir oben davonlief, schoss in mir hoch und Kaya blieb genauso abrupt stehen, wie sie weglief. Sie wartete geduldig auf meinen Mann, der mit meiner zweiten Stute zu Fuß hinterherkam.

Nur zum Verständnis: wir reden hier über 50 m auf einem Fluchttier. Natürlich mit Helm und in vollem Bewusstsein, das genau das passieren kann. Mit einer gehörigen Portion Respekt. Aber so ist das eben. Es braucht auch eine gehörige Respekt vor dem Leben, denn es ist nicht selbstverständlich, dass es dich trägt. Das Leben genauso wenig, wie ein junges Pferd. Ich war meiner Süßen mega dankbar, dass sie mich nicht abgeworfen hat, denn es ist für mich nicht selbstverständlich, dass sie mich trägt. Die Parallelen, die ich beim Reiten oft zum Leben sehe, eben zu diesem „dem Leben wieder das Vertrauen schenken“ und noch einmal auf ein Pferd steigen – in dem vollen Bewusstsein, dass es mich (wieder) abwerfen kann. Und dieses Gefühl, wenn ich die Komfortzone verlasse und es wirft mich nicht ab – das hat mir jetzt eine ganze Weile gefehlt. Viel ist in den letzten Jahren passiert und ich habe sehr bewusst die Komfortzone gewählt und bin nur meine „alte“ Stute geritten, weil ich sie eben gut kenne und weiß, sie würde mich nie absichtlich abwerfen. Aber ich spüre eben sehr deutlich, dass etwas Neues auf mich wartet und die Zeit gekommen ist dafür. Und die „Todessehnsucht“ in mir, weiß eben auch wieviel passieren kann. Sie hat viel Erfahrungen gemacht – in diesem Leben und schon viele davor. Es kann eine ganze Menge schief gehen im Leben. Und trotzdem ist das Gefühl, wenn die Todessehnsucht sich mit der Lebensfreude vereint und das passiert eben nur dann, wenn man die Komfortzone verlässt und schaut was passiert und es auch gut geht. Denn dieses Mal bin ich nicht vom Pferd gefallen! Und ich bin oft genug vom Pferd gefallen und wieder aufgestiegen, dass ich gelernt habe zu fallen, wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen. Dieses Gefühl ist jedes Üben wert! Dieses Gefühl, dass es mich trägt!